TRUST NO WOMAN plus – Eine Zumutung

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Das österreichische, feine Ausnahmelabel mit internationaler Sicht Klanggalerie bringt im Juli 2007 die CD »GRAF+ZYX : TRUST NO WOMAN plus« heraus.

Enthalten sind 24 Tracks, darunter fast alle Titel der seit Jahren vergriffenen, 1981 bei der österreichischen RCA Musica in Kooperation mit der Edition Reitz erschienenen legendären LP »TRUST NO WOMAN« plus eine Auswahl aus zum Teil noch unveröffentlichten GRAF+ZYX-Produktionen aus der Zeit vor und nach dieser LP.

Unter der Adresse http://tnwplus.grafzyx.at finden Sie alle Lyrics, grafisches Material und den 2005 unter Verwendung von Original-Film- und Videomaterial aus den Jahren 1977 bis 1981 neu produzierten Clip zu »Hey You«.

DIE ZUMUTUNG

Produktionen von GRAF+ZYX waren schon immer eine Zumutung für Rezipienten, seien es Journalisten, Kunsthistoriker oder ›Publikum‹. Ortet Markus Brüderlin, der sich schon 1983 als einer der Ersten ohne Probleme mehrmals auf eine integrative kunsttheoretische Analyse ihrer Arbeiten einlässt, bei allem Zugang zu den G+Z’schen Intentionen [›Ein produktives Potential, das gegen die »Psychosomatik des Zeitgeistes« (aus der kombinationsgewandten Begriffsküche von Sloterdijk) feilt …‹] in Kunstforum International angesichts ihres transmedialen Beitrags zu Wolfgang Kos‘ und Edek Bartz‘ Töne Gegentöne die Film-Video-Tanz-Tonbandkonzertaufführung Wien-Tokyo-Wien [*] immerhin rein medizinisch an der perzeptiven Schmerzgrenze [mb], verzweifelt Michael Hopp, damals Chefredakteur des Zeitgeistmagazins Wiener, nach einem Interview bei der Formulierung eines Texts zur Wiener-Wiederwahl der beiden zu den ›Durchstartern des Jahres‹ und ruft den mit ihrer widerspenstigen Arbeit vertrauten, locker-wortgewaltigen Kulturvisionär der Presse Franz Manola zu Hilfe. Seltene Ausnahmen wie Brüderlin, Manola oder Gottfried Distl, der völlig unverkrampft und virtuos Verknüpfungen zwischen G+Z und Erik Satie sowie Frank Zappa herstellt und das auch begründen kann [gd], bestätigen nur die Hilflosigkeit als Regel bei Presse und Theorie. So kommt es schon vor, dass horizontenge Fachjournalisten aus der Musikbranche sich inkompetenterweise für nicht zuständig erklären und die Arbeiten – nach diesem Entschluss erleichtert aufatmend – völlig dem Bereich der bildenden Kunst zuordnen, während Journalisten aus dem Kunstbereich (auch nicht ›weitstirniger‹) dieselbe Arbeit (hier die strenge, multidisziplinäre Raumkonstruktion Grauer Raumtransmitter, die das erste Mal in einer Museumsausstellung eigenproduzierte formalisierte Popmusik als gleichrangiges Gestaltungselement präsentiert) wenn auch wohlwollend als ›Diskothekenraum‹ missverstehen [**] und andere wieder, leicht erschrocken über die eigene Courage, eine coole Objektivierung der G+Z-Formensprache anzugehen, ihrem unsäglichen Schubladisierungszwang folgen, indem sie sich etwas ängstlich in den Designbegriff retten [z.B. ed], freilich ohne diesen näher zu definieren.

DER STIL, DER INHALT, DIE LUST

Der Übergang von definierter Sprache zur an Sprache erinnernden Klangmalerei ist fließend wie auch der von konzipierten, inhaltsvermittelnden Texten zu spontan beim Singen improvisierten Worthülsen, wo auch Reste von vermeintlich sinnhaften Satzfragmenten in Wirklichkeit ausschließlich formalästhetisch intendiert sind und sich jeder inhaltlich auch nur als solche interpretierbaren Botschaft konsequent verweigern.

Ähnlich verhält es sich mit den stilistisch/formalen Lösungen: Was in der Basslinie wie ein Reggae klingt, verunsichert u.U. sehr schnell mit Harmonien und Rhythmen, die Begriffe wie Ambient-Music oder Jazz oder E-Musik heraufbeschwören. Die Klugen freut, die Dummen frustriert es.

Aber auch in inhaltlich noch festzumachenden Passagen hat es keiner leicht: Wer in den 1970-ern und 80-ern, den Zeiten von Existenzanalyse, Gestaltpsychologie und Gruppenseminaren, den Zustand des Verliebtseins mit the smell of my brain gets black and mawkish beschreibt und Dinge wie I don’t need you in the morning again oder I use you and I look away äußert, nimmt den Vorwurf des verstörenden Zynismus besonders bewusst in Kauf. Und während der Hochblüte der Emanzipationsauseinandersetzungen ausgerechnet den Titel Trust no Woman zu wählen und Sätze wie muggy goose getting dressed well zu formulieren, lässt auf den ersten Blick einen Hang zum zumindest sozialen Suizid vermuten.

Und doch entspringt das alles in Wirklichkeit der vielleicht wesentlichsten Intention, die sich neben ›unbehaglichem Begehren‹ und der ›Lust am Ungenießbaren‹ [mb] bis heute durch die gesamte Arbeit von GRAF+ZYX zieht: der Lust am Produzieren des Neuen unter Demontage althergebrachter oder gerade frisch formulierter, dämlicher formaler und inhaltlicher Dogmen.

DIE EMPFEHLUNG

Dieses freie Arbeiten in einem Paralleluniversum mit aggressiv spärlich gesäten Synapsen zur unkreativen Gedankenwelt einer überwiegend und leider generationenübergreifend verzopften Kunst- und Medientheorie, die gerade mit Ach und Krach die Integration avantgardistischer Gebrauchsgrafik oder auch der Fotografie überhaupt geschafft hat, könnte einen dazu bringen, der besonders sympathischen Art der Rettung aus der Interpretationsnot des Falter aus 1981 zu folgen und auch noch heute ganz einfach eine ›unverblümte Kaufempfehlung‹ abzugeben.
© flo-0707

[*] Töne Gegentöne, Wiener Secession, Wien 1983

[mb] Markus Brüderlin: Synthetische Sinnlichkeit aus Zelluloid und Fluoreszenz. Ein Beitrag von GRAF+ZYX zum digital kodierten Kosmosparadies von morgen. In: Kunstforum International, Köln 1983

[gd] Gottfried Distl: GRAF+ZYX . In: ÖH Express Tempo, Wien 1985

[**] Der Traum vom Raum, Museum des zwanzigsten Jahrhunderts, Wien 1984

[ed] Edith Decker: GRAF+ZYX . In: Wulf Herzogenrath und Edith Decker (Hrsg.): Video-Skulptur. retrospektiv und aktuell, 1963-1989, DuMont, Köln 1989